Radfahren

Ich fahre jeden morgen vor der Schule und jeden Nachmittag nach der Schule jeweils 6 km den ganzen Weg nur bergauf oder bergab. Ich erinnere mich noch gut an das erste Mal, als ich hier mit dem Rad fahren musste.

Zuerst geht es bergab. Ich sitze auf einem neuen für mich anfangs ungewohnten Rad. Am Anfang ist es ein bisschen wacklig, denn der Lenker ist ganz anders als der von meinem Rad in München. Und ich muss andauernd die Schaltung wechseln, weil ich noch nicht fit und trainiert für die „Hügel“ bin. Etwa auf der Hälfte des Weges muss ich sogar vom Rad absteigen, weil es nicht mehr weiter mit dem Treten geht und mit dem Rad zu stehen nicht so gut funktioniert. Ich schiebe also das Rad ein kleines Stück und genieße derweilen die wunderbare Aussicht. Das Grundstück, an dem ich gerade vorbei gehe ist aus einem Märchen herausgenommen worden. Rote Holzwände, weiße Fensterrahmen, ein Strohdach, ein kleines Bächlein, weiße Liebesbrücken und Schafe määääähhään. Der Weg wird nun wieder flacher und ich steige wieder auf mein Rad und weiter gehts. Der nächste Tag bricht an und einerseits freue ich mich auf die wunderbare Aussicht und den Fahrwind beim Radfahren, doch andererseits erinnere ich mich auch noch gut daran, wie meine Beine schmerzten. Doch dieses Mal komme ich schneller voran und muss auch nicht mehr vom Rad absteigen.

Nun fahre ich schon fast drei Wochen (ich musste gerade im Kalender nachschauen, weil ich die Zeit vollkommen vergesse) jeden Tag zweimal die gleiche Strecke und freue mich schon fast jedesmal darauf. Denn beim Radfahren kann ich mich jedesmal selbst übertreffen, mir kleine Ziele setzten und erlebe immer etwas Neues. Ich muss jetzt praktisch gar nicht mehr durch die Gänge schalten, egal ob bergauf oder bergab. Jeden Tag versuche ich ein wenig mehr Gas zu geben. Um zu unserem Haus zu gelangen muss ich eine steile lange Auffahrt bewältigen und ich versuche jedes Mal ein Stückchen mehr von ihr auf dem Rad zu erklimmen. Und immer ändert sich die Windrichtung. Mal weht viel Wind, dann höre ich ihn nur so um mich peitschen. Und mal ist nahezu Windstille, dann höre ich die vielen Vögel, Hundegebell, Schafe oder Kinder. Unsere Nachbarn haben Kühe, denen ich gerne beim Grasessen zusehe. Nahezu jeden Tag kreuze ich ein oder zwei Traktoren und in diesem Momenten bin ich froh einen Helm zu tragen.

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Der Radlweg

Meine Sommerferien

Ich fühle mich seit dem ersten Tag bei Familie Seefeldt willkommen und zu Hause. Als wir im YFU-Camp Anfang August am letzten Tag unsere Familien das erste Mal kennenlernen, bin ich aufgeregt wie zehn Elefanten. Und während ich warte, bis wir Austauschschüler uns alle vorgestellt haben – das hat lange gedauert, weil wir in diesem Jahr so viele sind, die nach Dänemark reisen – suche ich die ganze Zeit in der Gastfamilien-Zuschauermenge vor uns nach meiner Familie. Ich habe sie bis zum Schluss nicht gefunden. Als ich sie dann entdeckte, sie saßen direkt vor mir, ist alle Aufregung verschwunden und die große Sprachhürde beginnt! 🙂 Zu Hause – und nun kann ich es wirklich mein zweites zu Hause nennen – angekommen, werde ich durch das wunderschöne zu Hause geführt und im Garten werden auch alle Fruchtsorten durchprobiert.

Anfangs ist mein Zimmer mir noch viel zu groß – mein Zimmer in München würde hier zweimal reinpassen. Doch als ich meinen Koffer und Rucksack auf dem Boden ausleere, muss ich mir doch ein freies Fleckchen schaufeln, an dem ich mich erst mal gemütlich niederlasse und realisiere, dass ich gar nicht so viele Klamotten dabei habe, wie ich in München noch dachte. Mein erstes Ziel war also: shoppen, und das sehr bald. (Gestern waren Rebecca, Helene und ich in Odense, die größte Stadt hier auf Fynen, shoppen -> mission complete.)

Manchmal waren die vielen Stunden Abends vor dem Fernseher und den Handys gemeinsam mit der ganzen Familie etwas neu und ich kam definitiv nicht mit der Digitalisierung der Schule klar. Dazu kommt, dass alles – Bank, Personaldaten, Sozial-Life – in der visuellen Welt gehandhabt wird. Dass man sogar mit dem Handy einen einzelnen Apfel bezahlt und einige Geschäfte gar kein Bargeld mehr annehmen, kann man sich in Deutschland heute noch gar nicht vorstellen. Der „Papierkram“ (es ist nicht wirklich „Papier“kram, denn man benutzt kaum mehr Papier für irgendwas) ist komplett neu und anders und ich bin dankbar, Hilfe von allen Seiten zu bekommen. Und die bekomme ich in Maßen. Phillip, mein Gastvater, hat viel Geduld aufgebracht, um mich in dir visuelle Welt einzuführen. Und auch in der Schule sind sie alle geduldig und freuen sich zu helfen.

Normalerweise hätte ich jetzt Sommerferien und ich gehe schon wieder in die Schule. Weil ich muss? Oder weil ich einen Schüleraustausch mache, bei dem es vorausgesetzt ist, dass man neben der Familie auch viel Zeit mit der Schule verbringt? Natürlich gehe ich auch wegen all dieser Bedingungen zur Schule. Aber vor allem, weil ich richtig gern dort hingehe. Vielleicht liegt es daran, dass ich keinen Notendruck habe oder einfach nur begeistert von allem Neuen bin. Doch auch freuen ich mich jeden Morgen meine Klassenkameraden und Lehrer zu sehen.

Diese Sommerferien sind mal ganz anders.

Sonnenschein in Dänemark

Ja genau, richtig gelesen! Die Sonne schein hier oben in Dänemark. Warum das so besonders ist, dass ich darüber schreibe? Hier wechselt das Wetter alle fünf Minuten. Wenn morgens, bevor ich aus dem Haus gehe, noch blaue Flecken am Himmel zu entdecken sind, kann es sein, dass die dunklen Wolken im nächsten Augenblick als Dauerregen zu Erden fallen wollen.

Seit gestern ist der Himmel größtenteils mit dem schönsten Blau bedeckt (normalerweise sieht man nur den grauen Himmel) und heute hat die Sonne dann alle Dämme durchbrochen. Als ich heute von der Schule nach Hause geradelt bin, bin ich das erste Mal ohne Jacke gefahren, obwohl der Fahrtwind sehr frisch sein kann. Zu Hause angekommen, habe ich mich erst einmal in den Garten stibitzt, um Himbeeren und Brombeeren zu naschen. Einige Zeit später kommen dann auch Helene, meine Gasmutter und Rebecca, meine Gastschwester, nach Hause und wir setzten uns vor das Haus in die Sonne mit Eis und lustigen Geschichten vom Tag bewaffnet in die Sonnenstrahlen. (Ich kann das Wort Sonne nicht oft genug schreiben, so gern habe ich sie).

Alltag mal ganz anders

Wenn ich aus dem Fenster meines Zimmers schaue, sehe ich Hügel, Wälder und weite Felder. Rund um das Haus ist nur Natur und der Wind pfeift in allen Ecken und Enden. Es ist wundervoll. Nun hat hier auch die Schule angefangen, doch im Gegensatz zu München muss ich hier erst eine halbe Stunde mit dem Fahrrad zur nächsten Bushaltestelle fahren – die ganze Zeit rauf und runter! Nach diesem Jahr bin ich ein echter Fahrradprofi. Das die Straßen hier auf Fynen so hügelig sind, wie wenn man ein Lineal wellt, ist äußerst ungewöhnlich, denn Dänemark ist es überall sonst flach, nur nicht auf meinem Schulweg 🙂 Im Bus treffe ich oft Klassenkameraden oder andere nette Menschen.

Der Unterricht ist so anders wie auf meiner Schule in München. Zu aller erst: Alle duzen sich. Meine erste Erfahrung auf dieser Schule ist, dass zur ersten Stunde nach den dänischen Sommerferien meine Mathelehrerin zu spät kommt und ein wenig verschlafen aussieht. Das erste, was sie tut, Schüler losschicken, um irgendetwas zu holen. Ich verstand nur noch nicht so ganz was. Das mit dem verstehen ist eine witzige Angelegenheit. Oft sitze ich im Unterricht da, und lausche gespannt den Gesprächen um mich herum und frage dann, worüber sie handeln. Fragen ist definitiv meine Lieblingsbeschäftigung in der Schule. Das mache nämlich meistens, wenn ich nicht gerade darüber nachdenke, was gesagt wird. Ich erinnere mich auch noch an meine erste Biologiestunde. Ich finde Bio interessant, aber nicht wirklich logisch. Und auf Dänisch ändert sich diese Einstellung nicht besonders. Meine Klassenkameraden haben versucht, mir zu erklären, worum es in dieser Stunde geht. Dies misslang jedoch, weil auch sie nicht ganz alles verstehen. Dänischer Unterricht basiert vorwiegend auf Sebsterarbeitung, Diskussionen und Gruppenarbeiten.

Zum Mittagessen machen sich viele Madpaket – wenn ich mich zurückerinnere, habe ich das auch immer im Kindergarten und in der Grundschule gehabt. Eine Brotzeitbox gefüllt mit Essen von daheim. Meine Geschwister und ich stehen abends nach dem Abendessen in der Küche und packen unsere Magpaketer voll mit Köstlichkeiten.

Essen bekommt man nicht zu wenig und davon immer nur leckeres!DSC_0002

In der Welt zu Gast bei Freunden

„Über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, offen auf andere Menschen und Kulturen zuzugehen, und einander kennenlernen und verstehen.“ Ein Zitat von meinem Bruder (in Deutschland).

Bevor ich in meine Gastfamilie komme (bei der ich bereits gestern eingezogen bin, denn dies hier schreibe ich von meinem neuen Bett aus), verbringe ich mit allen anderen Austauschschülern von überall her, die auch nach Dänemark für ein Jahr reisen, eine Woche in Dänemark. Dort lernen wir jeden Tag ein bisschen Dänisch und versuchen eine Art Handbuch über die dänische Kultur durchzustöbern. Das ist natürlich unmöglich, weil man eine Kultur, so vielfältig sie mit all ihren Facetten ist, nicht in ein einziges Buch reinschreiben kann.

Einer meiner Eindrücke von dieser ersten Woche: Ich bin den ganzen Tag unterwegs von München in den Norden. Um 22 Uhr sind wir dann endlich mit dem Bus in der Jugendherberge auf der Insel Fünen in Dänemark angekommen. Dort verbringen wir eine Woche mit allen Austauschschülern von überall, die auch nach Dänemark reisen. Als wir aus dem Bus steigen, werden wir mit Jubel empfangen und auf einem Plakat steht: Velkommen til Danmark. Ich lächele ab dem Moment nur noch (was ich davor auch schon getan habe, aber nur um das nochmal zu erwähnen, denn schon nach diesem Abend taten mir meine Backen ein wenig weh, was sich an jedem anderen Abend wiederholen wird). Wir alle reden auf Englisch und verständigen uns mit allen greifbaren Mitteln. Ob wir versuchen uns gegenseitig zu erklären, wie man ein Spannbetttuch über die Matratze spannt oder wie die Kissen bezogen werden. Es sind wie Kleinigkeiten nebenbei, wenn der Küchenchef uns vor jedem Essen typisch dänische Kost stolz präsentiert. Ich liiieebe Leverpotej med rødbeder!!

Nun sitze ich gemütlich und ein bisschen müde in meinem neuen Bett und blicke mit einem breiten Grinsen auf letzte Woche. Sie war aufregend, ereignisreich, oftmals unerwartet und einfach nur fantastisch. Ich habe viele neue Freunde gefunden, neue Erfahrungen bewältigt und mir ist in dieser Woche nicht nur einmal sehr klar geworden, dass Freunde und Familie das allerwichtigste sind und, dass man sie überall hat, wenn man genau hinschaut.