Zeit

Wenn ich jetzt auf den Kalender schaue, sehe ich schon die Mitte des Novembers. Das ergibt auch Sinn, denn es wird immer mehr winterlich und die Vorfreude auf Weihnachten wird immer größer. Und genau dann wird mir bewusst, wie lange ich denn schon nun hier bin. Es kommt mir auf der einen Seite so vor, als wäre ich erst letzte Woche hierher gekommen. Und auf der anderen Seite kann ich mir vorstellen, dass ich schon eine kleine Ewigkeit hier bin. Es ist so unglaublich viel passiert. Um mich herum und in mir selbst.

Als ich letztes Jahr – nein stop, das war nicht letztes Jahr! (Wie die Zeit verfliegt und doch so lang erscheinen kann) Also nochmal: Als ich dieses Jahr im April auf das Vorbereitungscamp mit YFU gefahren bin, wusste ich nicht so recht, was mich dort erwartet. Und das war auch gut so, denn man kann sich nicht annähernd vorstellen, was wir dort gelernt und erlebt haben. Ich habe alle Weisheiten über eine Internationalen Lebensweise und mein eigenes Austauschjahr in mich einwirken lassen. Doch jetzt erinnere ich mich auch daran, dass ich mir manchmal im Hinterkopf dachte, dass ich mich selbst schon gut kenne und dass alles viel einfacher wird, als erwartet. Denn wir wurden darauf vorbereitet, dass wir uns selbst noch einmal neu kennenlernen. Wir wurden auf so vieles vorbereitet.

Und jetzt liege ich in meinem Bett hier in Dänemark und weiß, dass das, was wir im YFU Camp gelernt haben, ein Model von der Wirklichkeit ist und ganz schön viel wahres dahinter steckt. Denn ich kannte mich vor meinem Austauschjahr schon gut. Und jetzt lerne ich auf einmal neue Seiten und Perspektiven kennen. Doch das ist normal wenn man beeing abroad erlebt. Ich habe mit Helene und Philipp, meinen Eltern hier in Dänemark, darüber philosophiert und mit ganz vielen tollen Austauschschüler Freunden. Und natürlich auch mit meinen Eltern in München. Und es stimmt, es lohnt sich definitiv, ein Jahr komplett auf sich alleine gestellt zu sein, auf einer anderen Sprache  zu kommunizieren, neue Freunde und Familie zu finden. Und ganz nebenbei sein altes Zuhause im Heimatland zu erforschen. Denn ich habe kaum in vier Monaten eine neue Perspektive auf Deutschland gewonnen. Ich schätze so viele Kleinigkeiten wert, die mir vor vier Monaten noch nicht einmal aufgefallen sind, da ich sie für selbstverständlich gehalten habe.

Denn hier in Dänemark, in meinem Austauschjahr, nehme ich alles viel intensiver wahr. Ich überdenke jeden Satz dreimal, bevor ich ihn doch noch einmal umstellen und mir ein neuer Aspekt einfällt. Und in der Schule mache ich Hausaufgaben immer viel länger und intensiver, weil ich erst die Aufgabenstellung verstehen muss und dann versuche herauszufinden, wie genau ich die Aufgabe bearbeite, weil ich meistens keine Ahnung habe, welche Routine die Lehrer und Schüler haben. Denn nicht nur einmal passierte es, dass ich die Aufgaben in einem anderen Format den Lehrern abgab und sie es dann auf ihrem Computer nicht öffnen konnten. Doch das machte nichts, denn für alles gibt es ein erstes Mal und alle – meine Lehrer, meine Klassenkameraden, meine Freunde, meine Familie – freuen sich zu helfen. Und genau da liegt der springende Punkt. Ich bin hierher gekommen, wo ein Alltag schon vorherrscht und es eine Routine gibt. Und um es mal so zu sagen, ich bin nur mit einem Koffer und einer Gitarre hier angekommen 🙂 Ich war neu überall. Am Anfang für alle die Attraktion, dann die Austauschschülerin, dann ich und nun bin ich die Schülerin aus Deutschland, die Freundin, die große Schwester.

Ich erinnere mich gut daran, wie ich vor einigen Wochen auf einer Schulfeier feststellte, als ich meinen Blick über meine Freunde schweifen ließ, dass ich sie richtig ins Herz geschlossen habe und sie jetzt nicht mehr nur meine Klasse in Dänemark sind, sondern meine zweite Schule, die ich im Leben für immer haben werde. Denn ich habe mich an deren Charaktere und Persönlichkeiten gewöhnt. Und ich habe mich an mein neues Ich gewöhnt. Nicht, dass ich ein neuer Mensch geworden wäre, denn ich bin immer noch die Gleiche, die Blau immer und überall trägt, die ihre Mami so gerne verbessert und beim aufräumen hilft und die, die immer gerne Kinderlieder singt und nach Far over bei jedem Singeabend fragt. Und jetzt bin ich auch die, die Freunde auf der ganzen Welt hat, die einfach unbezahlbar sind – ob in Deutschland, Dänemark, Amerika, Asien, Australien oder in ganz Europa. Ich bin die, die die Freude hat, eine neue Kultur kennenzulernen und gleichzeitig die eigene erkundet. Denn jetzt ist mein Herz von internationalen Kulturen geprägt.

Und jetzt bin ich erst einmal schön ausgeschlafen und habe ein bisschen Kohldampf auf ein tolles Frühstück.

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Ein Kommentar zu „Zeit

  1. Hach ja, ich freue mich sehr deine Gedanken hier zu lesen, du bist echt reflektiert und aufgeschlossen, was super Vorraussetzungen für einen erfolgreichen Auslandsaufenthalt. Schön zu hören, dass dir unsere Vorbereitung hilft das ganze zu verstehen und zu verarbeiten. Es war eine tolle VBT im April und ich freue mich schon auf die Nachbereitung im nächsten Herbst. Liebe Grüße aus Norwegen
    Mio

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